Bachmann-Preis, bevor er mit Innovationen zurückkehrt

Juryvorsitzende Insa Welk ©APA/PETER LINDNER

Am morgigen Mittwoch feiern die Deutschen Literaturtage ihre Rückkehr in Klagenfurt. Nach zwei Jahren Corona-bedingter ganzer oder teilweiser Auslagerung des Internets können bei der 46. Ausgabe des Ingeborg-Bachmann-Preis-Lesewettbewerbs wieder alle dabei sein: Autoren, Jury und Publikum. Räumlich sind sie aber etwas getrennt: Erstmals findet eine Lesebühne im Garten statt, während die Jury im Zuschauerraum des ORF-Theaters Platz nimmt.

Am Mittwochabend beginnt die traditionelle Klagenfurter Literaturrede, die die Schriftstellerin Anna Barr halten wird. Die in Zagreb geborene und in Klagenfurt und Wien lebende Autorin hat 2015 selbst mit einem Zitat aus ihrem Roman „Die Farbe des Granatapfels“ am Wettbewerb teilgenommen. Vor kurzem ist ihr Erzählband „Divân mit Schonvorsicht“ erschienen. Ihre Rede trägt den Titel „Wahrheit ist Unhöflichkeit“ und vielleicht eine Anspielung auf Bachmanns berühmtes Zitat aus ihrer Rede bei der Entgegennahme des „Broadcast Play Award for the Blind of War“ im Jahr 1959: „Die Wahrheit ist vernünftig für die Menschen.“ Ingeborg Bachmann, die gleichnamige Dichterin von 1973, sollte am 25. Juni ihren 96. Geburtstag feiern.

Ein Fixpunkt des Eröffnungsabends ist die Lesereihenfolge der neun Autorinnen und Autoren, die donnerstags, freitags und samstags ihre unveröffentlichten Texte präsentieren. Aus Österreich zunächst Barbara Zeemann aus dem Burgenland und Elias Herschel aus Wien. Der gebürtige Düsseldorfer Clemens Bruno Gatzmaga und der aus Bayern stammende Leon Engler stammen ebenfalls aus Wien. Anna Marawan, aus Slowenien, lebt in Niederösterreich.

Das Teilnehmerfeld ist vielfältiger denn je: Osama Al-Shahmani, 1971 in Bagdad geboren, musste 2002 wegen eines Theaterstücks in die Schweiz fliehen. Behzad Karim Khani hat einen Migrationshintergrund. 1977 in Teheran geboren, zog seine Familie 1986 nach Deutschland. Er studierte Medienwissenschaften und lebt heute in Berlin-Kreuzberg, wo er schreibt und das Lugosi-Syndikat leitet. Dichter Alexandru Polochs, geboren 1987 in Rumänien, emigrierte 2000 mit seiner Familie nach Deutschland. Der Deutsch-Amerikaner hingegen ist der 57-jährige Hannes Stein, der in Salzburg aufwuchs und 2013 in seinem ersten Roman „ Der Comet“ ermöglichte es dem Thronfolger von Franz Ferdinand, einem Attentat in Sarajevo zu entkommen. Eva Seschschmidt lebt teilweise in Rom, wo die 1970 geborene Schriftstellerin eine Schneiderlehre absolvierte und ein Unternehmen namens Whiskey and Cigars betreibt.

„Nicht das Original entscheidet über die literarische Qualität“, sagte Jury-Chef Welk der Deutschen Presse-Agentur (dpa). “Wie die Gesellschaft insgesamt muss auch die Literaturwelt die Mechanismen ihrer Ausgrenzung reflektieren und sich um ihre Öffnung bemühen.” Die bisher ausgeschlossenen Sichtweisen können „sowohl zu anderen Erzählungen als auch zu neuen literarischen Medien führen“. Mit Mara Delius, Via Kaiser, Klaus Kastberger, Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler und Michael Wiederstein hat sich auch der Rest der Jury nicht verändert. Ganz neu hingegen ist die Bewertungsmethode: Am Ende aller Lesungen und Diskussionen – moderiert von Cecil Schurtmann und Christian Ankovich – geben die Jurymitglieder ihre persönliche Bewertung von einem bis neun Punkten ab. Der Rechtsberater sammelt dann die Ergebnisse und erstellt die Gewinnerliste, die bis Sonntagmittag vertraulich bleibt. Nur bei Stimmengleichheit entscheidet die Jury wie bisher öffentlich.

Die Gewinner sind der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt, der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro), der 3sat-Preis (7.500 Euro) und der BKS Bank Publikumspreis. (7.000 Euro), der auch mit dem sechsmonatigen Stadtschreiberstipendium der Stadt Klagenfurt in Höhe von 6.000 Euro verbunden ist. Neu ist auch die Reihenfolge der Bekanntgabe: Um die Spannung aufrechtzuerhalten, wird mit dem niedrigsten Gewinn begonnen. Endlich wird der Hauptpreis vergeben. Im vergangenen Jahr gewann die in Teheran geborene, in Köln aufgewachsene und in Graz lebende Nava Ebrahimi den Bachmann-Preis.

Der gesamte Wettbewerb sowie die Siegerehrungen werden von 3sat live übertragen – insgesamt rund 17 Stunden lang. Auch Deutschlandradio überträgt den Wettbewerb live. Auch in den sozialen Netzwerken wird ausführlich über deutschsprachige Literaturtage berichtet.

bachmannpreis.orf.at

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